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Patrick Leigh Fermor: Die Zeit der Gaben

Eine wunderbar charmant beschriebene Reise quer durch Europa, zum Eintauchen in eine andere Zeit. Und das beste ist: Es gibt gleich drei Teile davon, man kann also ewig lesen ^^. Wegen der tollen Ausstattung auch sehr als Geschenk zu empfehlen.

Beschreibung auf doerlemann.com:

An einem verregneten Dezembertag macht sich der 18jährige Patrick Leigh Fermor zu Fuß, quer durch Europa, nach Konstantinopel auf. In dem Jahr, in dem Hitler an die Macht kommt, wandert der vielseitig interessierte junge Mann durch Wiesen und Wälder, verschneite Städte und die Salons der guten Gesellschaft. Er macht Bekanntschaft mit Handwerkern, Arbeitern und Direktoren, er nächtigt in ärmlichen Hospizen, Scheunen und auf märchenhaften Schlössern. Mit wachem Geist nimmt er nicht nur die Schönheit der Landschaften wahr, sondern erahnt das Heraufziehen des Sturms.

In seiner poetischen und präzisen Sprache erzählt Patrick Leigh Fermor von Menschen und Begegnungen, Landschaften und Orten im Europa vor dem Krieg. Er läßt vor unserem inneren Auge noch einmal das alte Europa erstehen, das wenige Jahre später endgültig in Schutt und Asche versinkt.

Tatsachenberichte sind ja eigentlich nicht so meins, aber hier mache ich eine ganz große Ausnahme. Denn die Reise von Patrick Leigh Fermor ist etwas besonderes. Wenn man sie liest, hat man das Gefühl aus seiner eigenen Zeit herauszufallen und plötzlich woanders zu sein. Oder seid Ihr schon mal durch deutsche Wälder gewandert und habt griechische Dramen rezitiert? Fermor tut (oder besser tat) genau das, man beobachtet als Leser staunend, wie sich Studenten Anfang 30er Jahren so die Zeit vertrieben.

Das Buch lohnt sich allein schon der unglaublichen Strecke wegen, die Fermor zurücklegte. Von England aus mit der Fähre nach Holland und von dort zu Fuß (ich wiederhole: zu Fuß!) bis nach Konstantinopel, dem heutigen Istanbul. Dass man auf so einer Reise viel erlebt, versteht sich von selbst. Und doch klingen Fermors Erlebnisse unglaublich, vor allem durch die unterschiedlichen Situationen. Vom armen Schäfer bis zum Baron hat Fermor jeden getroffen, die dicken Bayern im Hofbräuhaus besoffen auf der Tischplatte einschlafen sehen, in Höhlen übernachtet, in Wiener Kaffeehäusern die Sonntage verbracht, sich versehentlich in einem Freudenhaus einquartiert, wäre fast erfroren … Wenn man sich hundert verschiedene Filme ansieht, hat man immer noch weniger Handlung gehabt als nach den drei Bänden von Fermors Reise.

Nachdem ich dem Soldatenleben einmal abgeschworen hatte, zogen mich die Sirenenstimmen, die mich schon lange zunächst, leise, dann immer vernehmlicher von meinen freundlichen Fähnrichen der Kavallerie fortgelockt hatten, vollständig in ihren Bann. Das Reich der Kunst und der Literatur … ich fand es nicht.

Und dann ist da noch der Schreibstil. Der ist, ich wiederhole mich hier, charmant. Ein besseres Wort dafür fällt mir nicht ein. Fermor klingt die ganze Zeit warmherzig, erzählt die verblüffendsten Dinge völlig uneitel, beschreibt Leute und Landschaften so präzise, als ob man sie selber sehen würde. Immer merkt man ihm die Freude des Augenblicks an. Das ist umso erstaunlicher, als dass er die Bücher erst Jahrzehnte nach seiner Reise schrieb. Aufmerksame Leser können aus dem Buch auch viel über die Geschichte Europas lernen. Überall ist wissenswertes zur jeweiligen Region und Ihren Bewohnern eingestreut, zu Lebensweisen, traditioneller Kleidung, und vielem mehr. Gemerkt habe ich mir davon zwar kaum etwas (Schande über mich), aber angenehm zu lesen war es allemal. Ich habe die Bücher als eine Art Zeitreise betrachtet, da ich mir immer wie mitten im Geschehen vorkam.

"Die Zeit der Gaben" ist der erste Band der Reise, gefolgt von "Zwischen Wäldern und Wasser" und zum Abschluss "Die unterbrochene Reise". Dieser dritte Band ist leider unvollendet, Fermor verstarb in hohem Alter, während er daran arbeitete. Allerdings fand man in seinem Nachlass das Manuskript zu einem weiteren Bericht. "Die Entführung des Generals" erscheint im April beim Dörlemann Verlag und ich freue mich schon sehr darauf. Hier geht's zur Vorschau.

Ausstattung: Liebhaber schöner Bücher kommen am Dörlemann Verlag nicht vorbei. Ein großer Teil des Programms erscheint im Leineneinband, das MUSS man mal gefühlt haben. Außerdem haben alle Bücher Lesebändchen, Kapitalbänder (das sind diese hübschen Abschlüsse oben und unten am Buchblock), und sehr oft ungemein schöne Vorsatzpapiere. Natürlich sind die Bücher dann auch nicht billig, aber ihren Preis absolut wert.

Meine liebste Stelle im Buch: Fermors Erlebnisse in Stuttgart. Nicht nur, weil sie in einer Stadt spielen, die ich kenne ^^. Er kommt dort bei zwei jungen Mädchen unter, deren Eltern verreist sind und die natürlich nicht herausbekommen dürfen, dass da ein Mann übernachtet. Die beiden schleppen ihn noch zu Geburtstagen und Feierlichkeiten und die ganze ungehörige Angelegenheit steht mehrmals kurz vor der Entdeckung, geht aber natürlich gut aus. Ich mag daran besonders, dass man Fermor den Übermut von damals noch anmerkt.

Fazit: Für Liebhaber von Reisebüchern, von "historischen" Erzählungen, von Jugendromanen, von Abenteuern … Eigentlich kann und sollte das Buch jeder lesen. Oder auch verschenken. Oder sich selber wünschen ^^

Patrick Leigh Fermor: Die Zeit der Gaben. 416 Seiten. 19,90 €. Dörlemann Verlag.